oder das letzte Kapitel einer bemerkenswerten deutsch-französischen Geschichte des Erinnerns und des Engagements angesichts der Herausforderungen des Zeitablaufs und des Vergessens (156 Jahre)
Schwerin, Mecklenburg-Vorpommern, 23. Mai 2026
Von September 1870 bis März 1871 waren mehr als 1 400 französische Kriegsgefangene in Schwerin, der damaligen Hauptstadt des Großherzogtums Mecklenburg, interniert. Die Bewachung erfolgte durch Soldaten des 63. Landwehr-Regiments, einer bayerischen Einheit.
Die Schweriner Bevölkerung zeigte sehr schnell Neugier und Mitgefühl gegenüber den Ankömmlingen. Die „Rostocker Zeitung“ beschrieb deren Ankunft am 20. September 1870 wie folgt:
„Es waren nicht, wie zuvor angegeben, 1200, sondern etwa 1550 Mann. Sie wurden um 9:30 Uhr in einem langen Zug durch ein dichtes Spaziergängerspalier über den Wilhelmsplatz, durch die Wismarsche und Rostocker Straße bis zur Artillerie-Kaserne geführt. Der Zug wurde von berittenen Gendarmen und Fackelträgern eröffnet und geschlossen. Die Wache bestand aus Landwehrsoldaten. In dem langen Gefangenenzug befanden sich mehrere Zuaven und Turkos. Diese sowie die übrigen französischen Soldaten sahen sehr ermüdet aus, was auf einen längeren Bivouac-Aufenthalt und eine mehrtägige Eisenbahnfahrt zurückzuführen sein dürfte.“
Wie damals üblich, durften fünfzehn französische Offiziere auf eigene Kosten private Unterkünfte in der Stadt mieten.
Die Mehrheit der Unteroffiziere und Mannschaftsdienstgrade wurde in der Artillerie-Kaserne untergebracht. Ein Teil der Gefangenen, etwa 800 Mann, wurde zunächst in Zelten auf den Inseln Kaninchenwerder und Ziegelwerder einquartiert. Ab Oktober 1870 wurden sie in das Quartierhaus I (heute die Handwerkskammer) verlegt. Die deutsche Militärverwaltung gab ihren ursprünglichen Plan auf, die Insel Lieps als Zeltlager zu nutzen.
Alle Gefangenen, die nicht privat untergebracht waren, mussten als Gegenleistung für Kost und Logis „fünf Stunden tägliche Arbeit“ leisten. Zwischen Oktober und Dezember 1870 sowie im Februar und März 1871 wurden täglich 50 bis 70 Franzosen auf Wunsch des Großherzogs für Arbeiten am Weg nach Zippendorf (dem heutigen Franzosenweg) eingesetzt. Andere führten Erdaushubarbeiten an der Bahnstrecke nahe dem neuen Friedhof (dem heutigen Alten Friedhof) durch. Franzosen wurden auch in kleinen Handwerksbetrieben als Goldschmiede, Gastwirte oder Braumeister beschäftigt.
Mehr als 700 französische Kriegsgefangene wurden zwischen September 1870 und März 1871 im Reserve-Lazarett (heute die Schlosspark-Residenz) versorgt. Im Gegensatz zu anderen Internierungsbereichen brach in Schwerin keine Epidemie aus.
Dennoch starben 50 Kriegsgefangene, hauptsächlich an Typhus, und wurden auf dem katholischen Friedhof der Stadt beigesetzt.
Die Ankunft der „Friedensdepesche“ im Februar 1871, die das Ende des Deutsch-Französischen Krieges ankündigte, löste bei den Bewohnern Schwerins und ihren Gästen große Freude aus. Noch vor der Rückkehr der mecklenburgischen Truppen wurden die französischen Kriegsgefangenen Ende März 1871 per Bahn über Hagenow nach Hamburg transportiert. Von dort aus setzten sie ihre Reise nach Glückstadt fort, wo sie auf französische Schiffe eingeschifft wurden.
Bereits 1872 wurde auf dem katholischen Friedhof in der Wismarsche Straße ein Obelisk zum Gedenken an die in Schwerin verstorbenen französischen Kriegsgefangenen errichtet. Er wurde durch Spenden der katholischen Pfarrgemeinde finanziert. Der Obelisk trug folgende Inschrift: „Zum Gedenken an 50 französische Kriegsgefangene, die im Winter 1870/71 in Schwerin starben“. Die obere Hälfte war mit zwei gekreuzten Schwertern mit Silberklingen und Goldgriffen verziert, während goldene, schwarz gerahmte Kreuze die rechte und linke Seite zierten.
Das 19. und anschließend das 20. Jahrhundert setzten ihren Lauf fort. Regimewechsel und zwei Weltkriege, gefolgt vom Kalten Krieg, hinterließen nacheinander ihre Spuren in Frankreich, Deutschland, Europa und schließlich auf allen Kontinenten.
1949 wurden Mecklenburg und die Stadt Schwerin in die Deutsche Demokratische Republik (DDR) eingegliedert. Dennoch wehte vierzig Jahre später, Ende der 1980er-Jahre, ein Wind des Wandels aus dem Westen über Ostdeutschland (the wind of change).
Das Grab der französischen Soldaten auf dem katholischen Friedhof in Schwerin war damals völlig verwahrlost, unter Haufen von Brombeeren und Gestrüpp begraben, von allen vergessen – sowohl von Franzosen als auch von Deutschen –, ebenso wie nach so vielen Prüfungen, Auseinandersetzungen und Hass die nunmehr ferne Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870–1871.
In diesem Moment wurde es rein zufällig bei einem Spaziergang von einem Schweriner Ehepaar, Herrn Fritz Loest und seiner Ehefrau Monika, wiederentdeckt.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in die deutsche Wehrmacht eingezogen, nahm Herr Loest an den letzten Kämpfen an der Westfront teil. Von den westlichen Alliierten gefangen genommen, war er drei Jahre lang Kriegsgefangener in Frankreich in der Region Dijon. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland ließ er sich in Schwerin nieder, wo er eine Karriere als Sportlehrer und Volleyballtrainer begann. In dieser Zeit lernte er seine zukünftige Frau Monika kennen, die als Lateinlehrerin an derselben Schule tätig war.
Lokalen Berichten zufolge ist Herr Loest besonders dankbar dafür, während seiner Gefangenschaft in Frankreich gut behandelt worden zu sein.
Über mehrere Jahrzehnte hinweg und auf ehrenamtlicher Basis blieben er und seine Frau die einzigen Personen, die sich um die Rettung und spätere Pflege des Grabes der französischen Soldaten kümmerten. Nach der deutschen Wiedervereinigung setzten sie sich entschlossen für eine erste Restaurierung der Stätte ein, die in den 1990er-Jahren von der Stadt Schwerin finanziert wurde.
Die Zeit schritt voran und dreißig Jahre vergingen unmerklich im wiedervereinigten Deutschland. Jedes Jahr am 14. Juli gewöhnten sie sich daran, am Fuße des Obelisken einen bescheidenen Blumenstrauß in den Farben Frankreichs niederzulegen.
Im Dezember 2025 feierte Herr Loest seinen 100. Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Stätte auf die Initiative von Le Souvenir Français in Deutschland aufmerksam.
Im April und Mai 2026, also 156 Jahre nach dem Ende des Krieges von 1870–1871, wurden der Obelisk und das Grab dank einer Finanzierung durch die Direktion für Erinnerungskultur, Kultur und Archive (DMCA) des französischen Verteidigungsministeriums ein zweites Mal restauriert und eine Tafel mit einem Erläuterungstext sowie den Namen der französischen Soldaten neben dem Grab aufgestellt.
Zustand der Stätte nach der Renovierung am 21. Mai 2026
Zum Abschluss dieser Phase fand am 23. Mai 2026 eine Neueinweihungszeremonie statt, die gemeinsam von Le Souvenir Français in Deutschland, der katholischen Pfarrei St. Anna (Eigentümerin des Geländes), dem Kulturbüro der Stadt Schwerin und dem Landesverband Mecklenburg-Vorpommern des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. organisiert wurde.
Sie diente dazu, das Gedenken an die fünfzig französischen Soldaten zu ehren, die während ihrer Gefangenschaft für Frankreich starben und vor Ort begraben liegen.
Die Stätte zu Beginn der Zeremonie am 23. Mai 2026
Die Zeremonie fand insbesondere im Beisein folgender ziviler und militärischer Vertreter aus Frankreich und Deutschland statt:
Dr. Christian Frenzel, Staatssekretär im Ministerium für Inneres und Bau Mecklenburg-Vorpommern;
Herr Jochen Schmidt, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern (in Vertretung von Frau Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin des Landes);
Herr Bernd Nottebaum, Amtirender stellvertretender Oberbürgermeister von Schwerin (in Vertretung der Stadt Schwerin);
Generalkontrolleur der Streitkräfte (a. D.) Serge Barcellini, Präsident von Le Souvenir Français;
General (a. D.) François Sommerlat, Hauptbevollmächtigter von Le Souvenir Français in Deutschland;
Oberst Henri Lambaré, Regionalbeauftragter von Le Souvenir Français für Mecklenburg-Vorpommern;
Herr Lorenz Caffier, Vorsitzender des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Innenminister a. D.;
Oberst Bernard Guibert, Stellvertretender Verteidigungsattaché Luft und Vertreter des Verteidigungsattachés;
Oberst Edouard Le Jariel Des Chatelets, Verbindungsoffizier der Streitkräfte an der Führungsakademie der Bundeswehr;
Oberst Pierre Santoni, ehemaliger Kommandeur des 94. Infanterieregiments;
Hauptmann Denis Pirozzini, Traditionsoffizier des 94. Infanterieregiments;
Hauptmann Etienne Du Tertre, Leiter der Delegation des 3. Marineinfanterieregiments;
Herr Bernard Coveron, Präsident des Vereins der Ehemaligen des Garderegiments – 94. Infanterieregiment;
Frau Laura Roche, Referentin des Präsidenten von Le Souvenir Français für die Verwaltung und Koordination von Erinnerungsinitiativen im Ausland;
Frau Anja Pinnau, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin.
Gesamtansicht der Zeremonie
Fünf Offizierhörsäle der Führungsakademie der Bundeswehr, darunter ein britischer Offizier, sowie sieben französische und deutsche Offizieranwärter, die im Rahmen eines deutsch-französischen Austauschprogramms an der Universität der Bundeswehr Hamburg ausgebildet werden, waren ebenfalls eingeladen und nahmen an der Veranstaltung teil.
Die französischen und britischen Lehrgangsteilnehmer der Führungsakademie der Bundeswehr
Es war eine emotionale Zeremonie voller wichtiger Botschaften für die Gegenwart und die Zukunft in einem derzeit angespannten internationalen Kontext.
Generalkontrolleur der Streitkräfte (a. D.) Serge Barcellini erinnerte an die menschliche Dimension der Erinnerungspflicht: „Hier in Schwerin zusammenzukommen bedeutet... daran zu erinnern, dass Erinnerung eine Sache der Treue und der Leidenschaft ist. Die Leidenschaft eines Priesters, Vater Joseph, der sich 1870 entschied, die französischen Gefangenen bei ihrer Verlegung nach Deutschland zu begleiten und die ersten Steine einer Kultur des Erinnerns legte: Schaffung von Friedhöfen, Errichtung von Denkmälern, in Deutschland wie später auch in Frankreich, insbesondere im Elsass und in Lothringen. Die Leidenschaft eines Mannes, Fritz Loest, und seiner Ehefrau Monika, die wir heute unter uns begrüßen dürfen. Durch ihr Engagement haben sie diesen fünfzig lang vergessenen Kämpfern eine Geschichte und ein Schicksal zurückgegeben. Dafür sei ihnen herzlich gedankt. Die Leidenschaft schließlich einer Gedenkvereinigung: Le Souvenir Français. 1887 gegründet, hat sie in der Republik das Erbe des von Vater Joseph initiierten 'Werkes der Gräber und Gebete' angetreten. Ihre Mission bleibt unverändert: das Gedenken an diejenigen zu bewahren, weiterzugeben und lebendig zu halten, die für Frankreich gestorben sind.“
Rede von Generalkontrolleur der Streitkräfte (a. D.) Serge BARCELLINI, Präsident von Le Souvenir Français
Herr Lorenz Caffier, der im Namen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. sprach, hob seinerseits die pädagogische Dimension der Erinnerungsarbeit hervor: „Ich wünsche mir, dass wir diesen Ort in Zukunft als einen Ort des Lernens und des Erinnerns betrachten. Ein Ort, der es uns ermöglicht, innezuhalten, nachzudenken und zu diskutieren. Ein Ort, der uns an die Zerbrechlichkeit des Friedens erinnert und daran, wie wichtig es bleibt, ihn Tag für Tag aufzubauen. Die Toten, derer wir heute gedenken, können nicht mehr sprechen. Aber ihr Erbe verpflichtet uns, Verständigung, Menschlichkeit und ein friedliches Zusammenleben in Europa zu verteidigen.“
Herr Bernd Nottebaum, Vertreter der Stadt Schwerin, richtete seinerseits einen Appell zur Bewahrung der besonderen Natur der deutsch-französischen Beziehungen: „Denn Erinnerung ist nie nur ein Rückblick. Sie stellt immer auch einen Auftrag für die Gegenwart dar. In einer Zeit, in der die europäische Zusammenarbeit infrage gestellt wird, in der nationale Abgrenzung und vereinfachende Geschichtsdarstellungen immer mehr an Boden gewinnen, ist die deutsch-französische Verständigung keine Selbstverständlichkeit. Man muss sie wollen, pflegen und verteidigen. Orte wie dieser verdeutlichen, worum es geht: Aus ehemaligen Krieggegnern sind Partner geworden. Aus Feindschaft ist Zusammenarbeit erwachsen. Das ist keine Randnotiz der Geschichte, sondern ein politischer Erfolg, auf dem unser heutiges Europa ruht.“
Eine Besonderheit der Zeremonie war, dass zwei Regimenter des französischen Heeres Delegationen entsandt hatten: das 94. Infanterieregiment aus Sissonne und das 3. Marineinfanterieregiment aus Vannes. In ihren Ansprachen würdigten ihre Vertreter den Mut und das Opfer der Soldaten ihrer Regimenter während der verlustreichen Kämpfe des Krieges von 1870–1871:
„Sie sind an diesen Ort nach einer langen Reise gelangt, die in Lothringen begann. Für diejenigen des 94. Regiments sind Sie die Überlebenden der Schlacht vom 18. August 1870 bei St. Privas und Ste. Marie aux Chênes. An diesem Tag haben Sie durch Ihren Mut und Ihren Heroismus die Bewunderung Ihrer Sieger erlangt... Am Morgen des 31. August 1870, als sie das damals unbekannte Dorf Bazeilles erreichten, wusste keiner der Angehörigen des 3. Marineinfanterieregiments, dass er am selben Tag ein grundlegendes Kapitel der Geschichte der Marinetruppen schreiben würde. An der Seite erfahrener Kader, von denen einige bereits in den Überseegarnisonen an Bord der Schiffe der kaiserlichen Marine gedient hatten, standen junge Soldaten, die kaum ausgebildet waren und keinerlei Kampferfahrung besaßen. Trotz ihrer Jugend erwiesen sich diese Soldaten als die diszipliniertesten und am stärksten durch dasselbe Band der Pflicht und der Aufopferung verbundenen.“
Fahne des Vereins der Ehemaligen des Garderegiments – 94. R.I.
Nach den Reden der Würdenträger sprachen französische und deutsche Offizieranwärter zum Thema der deutsch-französischen Aussöhnung.
Die Zeremonie endete mit Kranzniederlegungen, dem Signal „Ich hatt’ einen Kameraden“ / Totensignal und den Nationalhymnen der Französischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland.
Niederlegung des Kranzes von Le Souvenir Français
Die fünfzig französischen Soldaten, die auf dem katholischen Friedhof in Schwerin ruhen, waren mehrheitlich junge Männer unter fünfundzwanzig Jahren. Im damaligen Frankreich stammten sie aus Bauern- oder Handwerkerfamilien, hatten wahrscheinlich nie ihre Stadt oder ihr Dorf verlassen und praktisch noch nichts vom Leben gesehen.
Obwohl sie so weit von Schwerin entfernt liegen, haben fünf Heimatgemeinden dieser Soldaten – Saint-Sylvain und Blosseville-sur-Mer in der Seine-Maritime, Saint-Paterne-Racan in Indre-et-Loire, Brive-la-Gaillarde in der Corrèze und Vernix im Département Manche – ihr Gedenken durch die Übersendung von Blumenkränzen geehrt.
Der Lebensweg von Herrn Loest sowie sein persönliches Engagement und das seiner Frau über viele Jahre hinweg zeigen, dass ungeachtet der Menschen und der jeweiligen Umstände alles zwischen dem französischen und dem deutschen Volk möglich bleibt, solange der Wille dazu vorhanden ist.
Moment des Austauschs zwischen dem Leiter der Delegation des 3. Marineinfanterieregiments und dem Ehepaar Loest
September 1870 und 23. Mai 2026 – zwei Daten, die zeigen, dass trotz des Verstreichens der Zeit und der Umwälzungen der Welt die Erinnerung an die französischen Gefangenen von Schwerin und das Opfer der französischen Soldaten des Krieges von 1870–1871 lebendig bleiben.
Wir vergessen sie nicht.
Sie sind unvergessen.
Oberst Henri Lambaré, Regionalbeauftragter von Le Souvenir Français für das Land MECKLENBURG-VORPOMMERN